Stiftung Warentest: Vergleich Privater Krankenversicherungen für Beamte mangelhaft!

Ob Angestellte, Selbstständige oder Beamte: Auf der Suche nach einer guten Privaten Krankenversicherung orientieren sich viele Menschen an der Stiftung Warentest und nutzen die Testergebnisse als Entscheidungshilfe. Doch der letzte Test zur Privaten Krankenversicherung lässt, genau wie die Checklisten der Verbraucherorganisation, wichtige Faktoren außer Acht. Die Ergebnisse im PKV Vergleich verallgemeinern die grundverschiedenen Bedürfnisse von Beamten, Angestellten und Selbstständigen, und geben eine völlig falsche Orientierung.

Stiftung Warentest: Warum der PKV Vergleich für Beamte nutzlos ist

      Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Verbraucher treffen Kaufentscheidungen häufig aufgrund von Testsiegeln der Stiftung Warentest. Das kann bei Versicherungsprodukten jedoch gefährlich werden.
  • Der PKV-Test der Stiftung Warentest und die Checkliste für den PKV-Vergleich sind für Beamte nicht repräsentativ, da die wichtigsten Kriterien für Beamtentarife außer Acht gelassen wurden.
  • Um die beste Private Krankenversicherung für Beamte zu finden, müssen Beihilfeergänzungstarife verglichen, individuelle Gesundheitsfaktoren und Beihilfeverordnungen berücksichtigt werden.

PKV-Vergleich:Testergebnisse der Stiftung Warentest irreführend

Als gemeinnützige deutsche Verbraucherorganisation steht die Stiftung Warentest für unabhängige, objektive Testberichte zu Produkten und Dienstleistungen aus den Bereichen Elektronik, Haushalt, Gesundheit, Finanzen, Steuern und Versicherungen. Durch ihren hohen Bekanntheitsgrad hat die Stiftung Warentest einen bedeutsamen Einfluss auf die Konsumenten. Gute Testergebnisse werden prominent auf Verpackungen und Webseiten platziert und als „Gütesiegel“ vermarktet. Schlechte Bewertungen der Stiftung Warentest halten Verbraucher dagegen oft vom Kauf eines Produktes ab.

Da viele Kunden uns bei ihrer Suche nach einer Privaten Krankenversicherung mit Testsiegern von diversen Test- und Vergleichsportalen konfrontieren, ist es für uns besonders wichtig zu erklären, warum unsere Empfehlungen oft von diesen abweichen: Wie auch beim großen PKV-Test vom Handelsblatt, zeigt sich bei dem Vergleich der Stiftung Warentest, dass im Bereich der Beamtenversicherungen erhebliche Wissenslücken (oder Fahrlässigkeit?) der „Experten“ zu völlig verzerrten Testergebnissen führen. Ein kurzer Überblick:

Stiftung Warentest PKV Vergleich

PKV-Vergleich der Stiftung Warentest für Beamte bedeutungslos

Kurzer Rückblick: Im letzten Test der Stiftung Warentest vom November 2019 wurden über 100 PKV-Tarife verglichen. Davon waren 26 Tarife für Beamtinnen und Beamte, alle anderen Tarife gelten für Angestellte und Selbstständige. Für den Vergleich Privater Krankenversicherungen wurde eine Modellrechnung für einen ledigen, gesunden Menschen durchgeführt, welcher mit 35 Jahren in die Private Krankenversicherung eintritt.

Wichtigstes Kriterium für die Beurteilung der besten Privaten Krankenversicherungen war das aktuelle Preis-Leistungs-Verhältnis der PKV-Tarife, welches zu 80 Prozent in die Bewertung einfloss. Die restlichen 20 Prozent fielen auf die Beitragsstabilität der Versicherer. Für die Analyse definierte das Vergleichsportal einen Qualitätsstandard mit Mindestanforderungen, die alle Angebote erfüllen mussten. Die Privaten Krankenversicherer sollen demnach mindestens die Kosten übernehmen für:

  • Freie Arzt- & Krankenhauswahl
  • Zweibettzimmer mit Chefarztbehandlung
  • Krankentransport bis 100 km Entfernung
  • 90 Prozent von Zahnbehandlungen
  • 65 Prozent von Zahnersatz, Material- und Laborkosten
  • 75 Prozent Heilmittel (Physio- und Ergotherapie, Logopädie)
  • 75 Prozent für technische Hilfsmittel (ohne Sehhilfen) 
  • 30 Behandlungstage in Jahr für eine stationäre Psychotherapie
  • 50 Sitzungen im Jahr für eine ambulante Psychotherapie mit 70 Prozent Kostenübernahme
  • Verschreibungspflichtige Medikamente
  • Vorsorgeuntersuchungen im Umfang der gesetzlichen Krankenversicherung
  • Arzt- und Zahnarzthonorare bis zum Höchstsatz (3,5-fach) der jeweiligen Gebührenordnung
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Erster Knackpunkt: Testkriterien sind nicht repräsentativ für Beamte

Der Vergleich privater Krankenversicherungen wird für einen ledigen, gesunden, 35-jährigen Musterkunden durchgeführt. Diese Kriterien treffen für die wenigsten Beamtinnen und Beamten gleichzeitig zu – eher in Ausnahmefällen. Oder für ledige UND kerngesunde Quereinsteiger. Beamtenanwärter und -Anwärterinnen haben schon in ihrer Ausbildungszeit Anspruch auf Beihilfe und entscheiden sich in der Regel viele Jahre früher (aus guten Gründen) für den Wechsel in die Private Krankenversicherung.

Darüber hinaus hat jede Beamtin und jeder Beamte einen anderen individuellen Gesundheitszustand zum Zeitpunkt des Versicherungsabschlusses und der ist für die Höhe der Beiträge ausschlaggebend. Mit Mitte 30 steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Musterkunde eine Vorerkrankung oder chronische Leiden hat, welche nur über Risikozuschläge zu versichern sind. Die unterschiedliche Bewertung von Erkrankungen und Höhe der Zuschläge bei verschiedenen Versicherern werden im Vergleich von Stiftung Warentest nicht berücksichtigt. In diesem Beitrag erklären wir im Detail wie sich die Kosten für die private Krankenversicherung für Beamte berechnen lassen.

Zweiter Knackpunkt: Volltarif einer PKV ist mit Beamtentarif nicht vergleichbar

Es werden Birnen mit Äpfeln verglichen. Man kann nicht für Beamte und Arbeitnehmer/innen aus der freien Wirtschaft einen Qualitätsstandard (siehe unten) definieren. Die Kriterien für die Wahl eines Beamtentarifes, der sogenannten Restkostenversicherung, unterscheiden sich maßgeblich von denen einer Privaten Krankenversicherung für Angestellte oder Selbstständige:

Angestellte und Selbstständige versichern sich zu 100 Prozent bei einer privaten Krankenversicherung – Beamte nicht!

Kunden einer privaten Versicherungsgesellschaft können sich außerdem entscheiden ob und wie viel Selbstbeteiligung sie bei ihrer PKV wählen. Beamte versichern sich aber nur – je nach Beihilfeanspruch – zu 50 oder 30 Prozent (mit Ausnahme von Hessen) über ihre Private Krankenversicherung. Die restlichen 50 oder 70 Prozent der Gesundheitskosten übernimmt (theoretisch) die Beihilfe. Da sie das aber nicht immer tut, fehlt in dem PKV Vergleich für Beamte das entscheidende Kriterium: Der Beihilfeergänzungstarif – siehe „Knackpunkt 3“.

Dritter Knackpunkt (und Genickbruch für einen PKV-Vergleich für Beamte):

Die oben genannten Mindestanforderungen an eine private Krankenversicherung gelten für Angestellte und Selbstständige. Für Beamte setzt die Stiftung Warentest dieselben Mindestanforderungen voraus, mit einer winzigen Zusatzinfo, die nicht weiter erläutert wird: „Beihilfetarife für Beamte ersetzen die Kosten für diese Leistungen mindestens mit dem versicherten Prozentsatz. Ausnahmen: Für Arzneimittel, Arzt- und Zahnarzthonorare sowie für Material- und Laborkosten bei Zahnersatz und Inlays ersetzen sie mindestens den versicherten Prozentsatz für den beihilfefähigen Teil der Aufwendungen…“

Spätestens hier wird deutlich, dass der Vergleich privater Krankenversicherungen für Beamte einen groben Fehler enthält, was die Bewertung und die Testergebnisse maßgeblich verzerrt: Stiftung Warentest berücksichtigt in dem PKV-Test in keiner Weise die Beihilfeergänzungstarife der Versicherungsgesellschaften. Doch die Ergänzungstarife schließen genau DIE Lücken, die durch die NICHT beihilfefähigen medizinischen Leistungen entstehen. Zum Beispiel gibt es hier enorme Unterschiede zwischen den Bundesländern und dem Bund, in denen jeweils unterschiedliche Beihilfeverordnungen gelten. So sind in Niedersachsen nur 40% der Aufwendungen Material- und Laborkosten beim Zahnarzt beihilfefähig, in NRW sind es dagegen 70%. Es wird also nur mit einem guten und passenden Beihilfeergänzungstarif sichergestellt, dass der oder die Kunde/in zu 100% der Krankheitskosten erstattet bekommt.
Außerdem werden auch die Kosten übernommen, die durch zukünftige Kürzungen der Beihilfe entstehen. Warum der Beihilfeergänzungstarif für Beamte so wichtig für die Wahl einer PKV ist und was ein guter Tarif unbedingt leisten sollte, haben wir hier bereits ausführlich erläutert.

Vierter Knackpunkt (nur der Vollständigkeit halber):

Der vermeintliche „Qualitätsstandard“ der Stiftung Warentest ist viel zu niedrig angesetzt. Mit diesen Mindestanforderungen können – überspitzt gesagt – alle Billiganbieter mithalten. Bei Beamten sollten von der Privaten Krankenversicherung 100 % von den verbleibenden 50, 40 oder 30% Restkosten übernommen werden! Hinzu kommt, dass (wie oben ausführlich erläutert) die Beihilfe jedoch nicht immer die vollen 50, 60 oder 70% der Rechnungen übernimmt, weil von den Ärzten nicht beihilfefähige Leistungen abgerechnet wurden. Deshalb muss ein solider PKV-Tarif für Beamte genau diese Lücke schließen und mit entsprechenden Beihilfeergänzungstarifen mehr Leistungen übernehmen. Zum Vergleich:

Unsere Mindeststandards an eine gute private Krankenversicherung für Beamte:

  • Ein Beihilfeergänzungstarif MUSS vorhanden sein.
  • Im ambulanten Bereich sollte der Beihilfeergänzungstarif die Leistungskürzungen der Beihilfe auffangen.
  • Arznei- und Verbandmittel sollten zu 100% (je Tarifprozentstufe) erstattet werden UND der Beihilfeergänzungstarif sollte die Lücke der Beihilfe auffangen.
  • Heilmittel wie z.B. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie etc. sollten zu 100% (je Tarifprozentstufe) erstattet werden UND der Beihilfeergänzungstarif sollte die Lücke der Beihilfe auffangen.
  • Hilfsmittel werden zu 100% (je Tarifprozentstufe) erstattet werden UND der Beihilfeergänzungstarif sollte OHNE Einschränkung oder Summenbegrenzungen die Lücke der Beihilfe auffangen.
  • Ambulante Transportkosten wie z.B. zur Chemotherapie sollten übernommen werden UND der Beihilfeergänzungstarif sollte die Lücke der Beihilfe auffangen.
  • Die Gebührenordnung für stationäre Behandlungen sollte ohne Begrenzung sein UND der fehlende Beihilfeanteil sollte übernommen werden, da die Beihilfe nur bis zum Höchstsatz, also dem 3,5 fachen Satz erstattet.
  • Im Bereich Material und Laborkosten sollte der Beihilfeergänzungstarif die Lücke der Beihilfe auffangen, da jedes Bundeland und der Bund unterschiedlich – zwischen 40% (Niedersachsen) bis 70% (NRW) – erstatten.
  • Ambulante und stationäre Kuren sollten von der PKV übernommen werden, da die Beihilfe diese nur teilweise und wenn dann nur sehr gering erstattet.
Fazit: Der PKV-Vergleich der Stiftung Warentest ist für Beamte schon allein durch das Fehlen der Beihilfeergänzungstarife absolut nichtssagend. Somit sind auch die vermeintlichen Testsieger unter den Privaten Krankenversicherungen hinfällig. 
 
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PKV Checklisten der Stiftung Warentest: Fehler wiederholen sich

Das Portal Test.de (Stiftung Warentest) stellt Checklisten für einen Vergleich Privater Krankenversicherungen für Angestellte, Selbstständige und Beamte kostenlos zum Download zur Verfügung. Problem: Die oben gennannten Fehler wiederholen sich: In den Checklisten wird weder die Beihilfeverordnung des jeweiligen Bundeslandes erwähnt, noch werden die wichtigen Beihilfeergänzungstarife für den Versicherungsvergleich miteinbezogen. Stiftung Warentest macht den Kunden nicht darauf aufmerksam, dass die Beihilfe – abhängig von der Verordnung – Leistungen kürzt und diese Kürzungen durch einen zur Beihilfeverordnung PASSENDEN Ergänzungstarif übernommen werden sollten. Dass hier selbst große und beliebte Anbieter schlecht abschneiden, zeigen wir in unserem Vergleich des Debeka Beihilfeergänzungstarifs genau wie bei dem Ergänzungstarif der HUK.
 
Erst die Kombination aus dem Beihilfegrundtarif UND dem Ergänzungstarif macht eine PKV für Beamte vollständig. Deswegen muss in jedem Versicherungsvergleich der Beihilfeergänzungstarif unbedingt berücksichtig werden und gehört ebenso in jede Checkliste für Beamte. 
 

Fazit: Testergebnisse der Stiftung Warentest im Vergleich privater Krankenversicherungen können wir nicht unterstützen

Leider begeht das Portal test.de von Stiftung Warentest dieselben Fehler im PKV-Test wie in seinen Checklisten für den PKV-Vergleich. Bei beiden finden wir nicht nur fragwürdige Empfehlungen von Mindestanforderungen und Qualitätsstandards, die eine PKV erfüllen sollte. Die Kriterien nach denen Private Krankenversicherungen für Beamte verglichen und Testsieger gekürt werden, sagen nichts über die Qualität der Versicherungsgesellschaften und Tarife aus. Erschreckend ist, dass wir diese Fehler bei nahezu allen großen, unabhängigen und „seriösen“ Wirtschafts- und Finanzportalen wie auch zuletzt beim Handelsblatt finden. 
 
Umso wichtiger ist es, sich nicht blind auf verallgemeinernde Tests und Vergleiche zu verlassen – selbst wenn diese von „offizieller Seite“ kommen. Auch die großen Vergleichsportale können niemals die komplexe Bandbreite der Tarifwerke abbilden und arbeiten zudem nicht mal mit allen Gesellschaften zusammen. Eine ausführliche Erklärung der Vorgehensweise dieser Plattformen haben wir im Beitrag „PKV-Vergleich mit Check24 & Co.?“ geliefert. 
 
Eine normale Private Krankenversicherung ist absolut nicht vergleichbar mit einer PKV für Beamte und eine unglaublich individuelle Angelegenheit: aufgrund des eigenen Gesundheitszustandes, der persönlichen Krankheitsgeschichte, der Beihilfeverordnung des jeweiligen Bundeslandes und nicht zuletzt aufgrund der persönlichen Gewichtung und Bewertung der Tarifleistungen (z.B. bei Zahnersatz, Sehhilfen, Heilpraktiker-Behandlungen, Kuren oder Therapien). Wir beziehen diese und viele weitere Kriterien immer mit ein und unterstützen dich gerne bei einem völlig unabhängigen Versicherungsvergleich. 
 
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